Storytelling:
Erzählung aus dem alltäglichen
Wahnsinn meiner Kindheit
Ein Leben im "Mehrgenerationenhaus"

Kindsein erlebt sicherlich jedes Kind ein bisschen auf seine ganz individuelle Art und Weise, ist ja klar: Wir alle wachsen mit verschiedenen Prägungen, an unterschiedlichen Orten und mit der ganz eigenen Familienkultur auf. Das alles und noch vieles mehr sind die Dinge, die Kindsein und Kindheit prägen. Wesentliche Dinge, die meine Kindheit mit einer Glückseligkeit erfüllt haben, von der ich bis heute zehren kann, weil die Erinnerungen in mir noch immer lebendigen Anklang finden, möchte ich hier teilen. Es sind nicht nur Erinnerungen, sondern Prägungen, die in mir den tiefen Wunsch und die Vision geweckt haben verschiedene Generationen wieder neu zu vernetzen.
Aufgewachsen bin ich mit meinen anfangs nur drei Geschwistern (später stockten meine Eltern nochmal auf) in einem Dorf, das wirklich nur so strotzt vor Landidylle. Ja, ganz richtig, so wie man es sich genau in diesem Augenblick vorstellt: Der Kindergarten und die Grundschule sind fußläufig zu erreichen, am Flüsschen ließen wir Boote um die Wette schwimmen, mit dem Besitzer vom einzigen Einkaufsladen im Dorf war man per du, im Herbst flogen die Drachen durch die Luft, die Bauern akzeptierten es, wenn wir ihre Strohballen auf den Feldern neu formierten und uns daraus Burgen bauten und im Winter war es möglich, auf gleich zwei von mehreren Dorfteichen Schlittschuh zu laufen. Du hast richtig gehört: Das war die Zeit und der Ort, an dem es noch völlig normal war, im Winter Schnee zu erwarten, ja, sogar Enten füttern war damals ohne das nötige Wissen, ob ihnen das gut bekommt oder nicht, bußgeldlos und völlig legal. Glaubst du mir jetzt, dass ich von der absoluten Idylle spreche, auch wenn es für den ein oder anderen wie die völlige Einöde klingen mag? Für mich war es wahrlich ein Schock, als ich in späteren Teenagerjahren feststellte, dass meine Wahrnehmung von Kindheit, das Empfinden völliger Freiheit und vollkommenen Glücks, längst nicht das der breiten Masse ist. Menschen erleben Kindheit dann schon unterschiedlich, wenn sie in der Stadt aufwachsen. Aber nicht nur die Landschaft, die Umgebung und das, was in diesem Rahmen möglich war, prägten meinen positiven Kindheitsbegriff, sondern die Art und Weise des Lebens und des Miteinanders, wie ich es mit anderen gelebt und erlebt habe, trug einen großen Teil zu dem bei, was heute in mir lebt.
Lass mich das näher beleuchten: Wir lebten in einem heute leider völlig heruntergekommenen Mehrfamilienhaus, welches damals schon älter als 200 Jahre war und zum Kulturerbe der Herrnhuter Brüdergemeinde gehörte. Also ein Haus mit Geschichte, ein Haus, in dem früher die Witwen dieser Gemeinde lebten, weswegen es auch zu meinen Zeiten oft noch Witwenhaus genannt wurde. So trostlos, wie der Name vielleicht klingen mag, habe ich es jedoch nie empfunden, denn es war ein Mehrfamilienhaus prall gefüllt mit den buntesten und unterschiedlichsten Generationen, Familien und Konstellationen an Menschen. Menschen, die alle ihre Eigenheiten und „Macken“ mit sich brachten, die man aber irgendwann kannte, über die man heimlich schmunzeln konnte und die einem fehlten, wenn die Menschen auszogen oder gar verstarben. Ich erinnere mich, dass wir in der unteren Etage mit zeitweise zwei weiteren Familien wohnten. Damals hatten wir, bis ich etwa zehn Jahre alt war, noch ein sogenanntes „Plumsklo“. Um das zu erreichen, war es notwendig, die eigene Wohnung zu verlassen, durch den Hausflur zu flitzen, um dann zum Pott zu gelangen. Schön war das wahrlich nicht, denn es war immer kalt, vor allem im Winter… Stell dir nur mal vor, dass die Toilette eben nur aus dem besagten Loch besteht, indem das verschwindet, worüber man kaum zu schreiben wagt. Ja, er war meistens sehr zugig, der Besuch auf der „Toilette“, dennoch war es der Ort, an dem wir Kinder das Recht und die Freiheit hatten, die meisten Tierposter aus der Apothekenzeitschrift für Kinder aufzuhängen, die wir immer so fleißig gesammelt hatten, bei denen man aber irgendwann nicht mehr wusste, welche Wand man damit noch verzieren sollte. So viel dazu! In den oberen Etagen des Hauses gab es scheinbar schon normale Toiletten, vielleicht waren diese Etagen deshalb so begehrt. In der ersten, sowie der zweiten Etage gab es jeweils drei weitere Wohneinheiten. In der ersten Etage wohnten enge Freunde meiner Eltern, die gleichzeitig Patenonkel und Patentante von uns Kindern waren, ein älteres Ehepaar, die schon so viele Jahre im Haus lebten, dass sie glaubten alle Regeln, die das Haus betrifft, bestimmen zu können. Außerdem wohnte dort noch eine weitere Familie. In der zweiten Etage waren eine alleinstehende ältere Dame zu Hause, eine Frau, die sich die Wohnung mit ihrem erwachsenen Sohn teilte und eine weitere Familie mit zwei Kindern, die etwas jünger als wir waren. Wahrlich, es war immer Leben im Haus, es war normal, dass man sich kannte, sich gegenseitig besuchte, den Kontakt pflegte, sich im hauseigenen Vierkanthof traf, um Wäsche aufzuhängen, sie herunterzureißen oder herumzutollen, miteinander zu spielen, ins Gespräch zu kommen oder, oder, oder. Es war so eine Art living community. Das, was viele heutzutage mit Mühe und Schweiß versuchen, nämlich ein mehrgenerationelles Leben und Miteinander zu gestalten. Für uns war das damals etwas sehr Natürliches, darüber hätte man nicht sprechen müssen, wir lebten darin. Somit war es auch sehr natürlich für mich, mit allen Generationen Kontakt zu haben: Mit den Kindern, die immer irgendwo zusammen fanden, um gemeinsam zu spielen, ob im Innenhof oder in den Wohnungen, wo man sich besuchte. Mit den Erwachsenen, die eben oft dort waren, wo die Kinder waren, aber auch mit den Senioren und älteren Menschen, die man manchmal tolerieren und hin und wieder berücksichtigen musste, aber die man auch besuchen und lieb gewinnen konnte, weil es bei ihnen Kakao und Kekse gab oder sie einem das Stricken beibrachten. Eben ein bunter Haufen von Menschen, die alle unterschiedlicher Prägung und verschiedenen Alters waren. Solch ein Lebensstil hilft und bereichert nicht nur die ganz Jungen, nein, er bringt Mehrwert für alle Generationen.

(Unser früheres Wohnhaus - "Witwenhaus")
Klar, Kinder, Erwachsene und Senioren brauchen Raum, um unter ihresgleichen zu sein, dennoch brauchen sie genauso Gelegenheiten, um mit den Generationen in Kontakt zu kommen. Warum das so ist? Nun ja, ich würde behaupten, dass es ein Grundbedürfnis des menschlichen Seins ist, in Beziehung zu leben. Lasst uns einen genaueren Blick darauf werfen, warum Beziehung untereinander so wichtig ist und was es mit sich bringt, in Beziehung zu leben.
Kinder, die früh lernen auch auf die Bedürfnisse Erwachsener oder Senioren Rücksicht zu nehmen, erlernen ein hohes Maß an Sozialkompetenz und Toleranz. Sie erleben, was es heißt, voneinander zu lernen, denn die Alten haben jede Menge erlebt, Handwerk erlernt, das den Jungen fremd ist. Ist die Vorstellung nicht wunderbar etwas von Oma oder Opa zu lernen, statt es sich selbst über ein Youtube-Video aneignen zu müssen, bei dem mich hinterher niemand stolz anlächelt oder mir Mut zuspricht, wenn ich mich in dem Neuen ausprobiere? Auch für die Erwachsenen sehe ich viele Möglichkeiten das Alltagsleben zu erleichtern, wenn sie in den Kontakt mit Älteren treten. Wie oft springen bereits jetzt bei zahlreichen Familien Oma und Opa ein, wenn jemand für die Kinderbetreuung fehlt, oder wenn es mal wieder schwer ist, Arbeit und Kindergarten so miteinander zu kombinieren, dass sich die Zeiten nicht überschneiden? Von Vorteil ist es dann, wenn Familie nah beieinander wohnt, fußläufig oder gar im eigenen Haus. Jedoch ist dies nicht für viele gegeben. Umso wertvoller ist es dann, wenn außerfamiliäre Generationenbeziehungen geknüpft und gelebt werden, beispielsweise mit sogenannten „Leihomas und -opas“. Erwachsene leben in dem permanenten Druck Arbeit und Familie vereinen zu müssen, in einer Welt, in der alles möglich ist und die sich immer schneller dreht. Klar, kann man da mal die Nerven verlieren, braucht man hin und wieder einen Ruhepol, der bereits Erlebtes nachvollziehen kann oder einfach nur Mut macht. Menschen der Generation 60 plus hingegen wechseln in eine Alters- und Lebensphase, in der sie heraustreten aus dem Berufsleben und hereintreten in eine Zeit, in der es erneut gilt, seinen Platz in der Welt zu finden, die aber auch dazu einlädt sich zu entschleunigen. Einige finden ihren Platz unter anderem in der eigenen Familie, bringen sich ein bei den Enkelkindern. Viele jedoch leben weit weg von der Familie oder haben keine eigenen Kinder oder engen Kontakt zu ihnen. Menschen der älteren Generation vor Einsamkeit zu bewahren fängt dort an, wo sie in den Alltag und das Leben eingebettet sind, sich nützlich, wertvoll und geliebt fühlen, auch wenn sie keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen. Es ist bewiesen, dass Senioren länger fit bleiben und es der geistigen sowie seelischen Gesundheit guttut, wenn sie in regem Kontakt mit Kindern sind, denn Kinder sind lebhaft, toben, fordern, ja fordern uns auch heraus (mehr dazu im Artikel Oma, Opa, Enkelkind – Schätze der Generationen).
Wie du liest, wird schnell ersichtlich, dass ein mehrgenerationelles Konzept eine Win-win-Situation für jeden Einzelnen sein kann. Warum also nicht mal etwas Neues wagen? Warum nicht mal wieder die Nachbarin einladen, wenn ich weiß, dass sie oft allein zu Hause sitzt? Lasst uns gemeinsam kreativ werden, was unser Alltagsleben der Generationen anbelangt, lass dich darauf ein, die Ressourcen von Alt und Jung zu bündeln und so zu kombinieren, dass wir alle davon profitieren. Der Trend der Gesellschaft ging einst in die Richtung die Autonomie des Einzelnen zu fördern, doch sind diese Zeiten nicht längst vorbei? Wenn ich es genau betrachte, dann merke ich, dass sich unsere Welt und Gesellschaft danach sehnt wieder zueinander zu stehen, zusammenzuhalten, aufeinander zu achten, denn in Zeiten von Krieg, Pandemie Ausbrüchen und weiteren Unsicherheiten tut es der Seele gut, zu wissen, dass jemand an meiner Seite steht, dass ich mit meinen Sorgen nicht alleine bin, dass jemand an meine Seite tritt, weil er oder sie weiß: Gemeinsam geht es besser! Dazu müssen wir keineswegs unser Reihenhaus verlassen und in ein Haus der unterschiedlichsten Generationen ziehen. Dies ist lediglich ein Einblick in meine Erfahrungswelt und Prägung, die heute relevanter zu sein scheint als uns oft bewusst ist. Doch ein Miteinander der Generationen zu gestalten fängt bei jedem Einzelnen an. Bist du dabei?