#Einer schreit immer!

Mir wurde in dem Moment klar, dass ich diesen Blockbeitrag verfassen muss, als mein Mann und ich mit den Kindern im Auto saßen, nach einem langen Tag des heiteren Beisammenseins, müde und abgekämpft, während unsere Tochter lauthals mit ihrem Schreien das Auto beschallte. Ganz klar: Beim zweiten Kind ist einem natürlich bewusst, dass sich die Ansprüche des Alltags verdoppeln. Was man allerdings nicht vergessen darf: Die Momente des Glücks und der Freude verdoppeln sich auch. Womit wir allerdings nicht gerechnet haben, ist der Stresslevel, der sich auch verdoppelt, wenn man auf einmal von zwei kleinen Kindern gleichzeitig beschrien wird. Kann man sich darauf eigentlich vorbereiten? Ich denke nein. Man kann es nur erleben, in seiner geballten Power. Und so ein neugeborenes Kinderorgan ist mit Sicherheit stärker als der innere Drang, nicht auch selbst loszuschreien (naja, zumindest eine ganze Weile und wenn schreien, dann natürlich nur draußen oder auf dem Klo oder...ok, wenn ́s denn gar nicht anders geht halt auch einfach mal so oder nur, um noch gehört zu werden).
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Anfangs fragte ich mich, ob wir als Eltern weniger Geduld haben mit zwei Kindern statt nur mit einem, denn irgendwie erlebte ich uns noch gereizter und empfindlicher als vorher. Bis mir auffiel: Der gravierende Unterschied zu unserem Leben zuvor mit nur einem Kind ist: Einer schreit immer! Wir befinden uns also mit dem zweiten Kind in einer neuen Herausforderungszone unseres Lebens. Was das bedeutet? Es bedeutet, dass wir gerade dabei sind, unsere mühsam erkämpfte Ein-Kind-Familienkomfortzone zu verlassen, heißt, zu weiten. All die kleinen, lang erarbeiteten Dinge, welche zum Luxus unseres Familienalltags wurden, wie zum Beispiel mit dem Kind zusammen ein Mittagsschläfchen zu machen, verpuffen. Einfach so. Zack weg! Man wünscht sich in diesen Momenten eine gute Fee herbei, die sagt: „Du hast drei Wünsche frei! Und weil du so erschöpft aussiehst, na gut, ausnahmsweise, dann auch fünf Wünsche.“ Leider taucht eine solche Fee eher seltener auf, um ehrlich zu sein, eigentlich gar nicht und man stellt fest, dass ein Leben mit zwei Kindern einen auf das nächste Level des Elternseins katapultiert: Man schafft es, die meiste Zeit des Tages mit wenigstens einem schreienden Kind zu verbringen. Eine Freundin, deren Kinder bereits erwachsen sind, erzählte mir, sie habe ihrem Kinderarzt beim ersten Kind gesagt, dass sie manchmal überfordert sei. Ironischerweise antwortete er: „Ist doch ganz klar, dass Sie mit einem Kind überfordert sind, mit dem zweiten wird es leichter!“ (Anmerkung am Rande: „wird“ deutet auf einen Prozess hin, puhhhh, aber jedenfalls mit sicherer Aussicht auf Erfolg!) Diese aufbauende und hoffnungsspendende Weisheit kann man sich als junge Eltern nur permanent vor Augen halten – vor allem in den Momenten der ganz großen Verzweiflung. Und damit an all diejenigen, die wie wir zu den Eltern gehören, welche die Umstellung von einem Kind auf das zweite schwierig empfinden oder empfanden: Habt den Mut und traut euch doch mal auszusprechen, voreinander wie auch vor Freunden, dass ihr überfordert seid oder wart. Überforderung ist kein Makel, kein Stigma von Versagen. Ganz im Gegenteil: Es ist eine Wachstumsphase im Leben, die uns ein neues Kompetenzlevel und eine geweitete Komfortzone von Lebensalltag ermöglicht. Ich bin sicher und mache immer wieder die Erfahrung, wie erfrischend und zugleich mutmachend es für viele Eltern ist, wenn sie hören, dass es auch anderen so geht wie ihnen.
Während einer Autofahrt mit Dezibel Stärke 85 von der Rückbank (von wegen „Ruhe auf den billigen Plätzen!“) schrie mir mein Mann entgegen, dass er sich bei dem Geschrei unserer Tochter fühle, als würde man ihn in einem Mörser zermalmen. Ich wusste nicht, ob ich darüber lachen oder über diesen Vergleich staunen sollte, denn ich fand ihn sehr treffend und konnte den Druck des Mörsers geradezu fühlen.
Für alle, die noch auf der Suche sind nach geeigneten Alltagsmethoden, die dabei helfen, die sehr lautstarken Highlights des Tages ungemörsert zu durchstehen: Dieser Artikel ist für euch!
Hier ist meine drei-Schritte-Methode zum meditativen Zustand der Stille:
1. Binde dir dein Kind um den Bauch – ein Tragetuch oder eine Trage eignen sich dafür am besten. Natürlich ist das Geschrei dann im ersten Moment noch intensiver, da dein Kind dir lautstark direkt am Bauch klebt, allerdings spürt es dich so besser und deine Nähe allein wirkt bereits beruhigend. Und dann am besten ab in die Natur.
2. Sei mit dir selbst fürsorglich und gönn deinen Ohren und deiner Seele eine gedämpfte Geräuschkulisse. Am besten gelingt dies mit Kopfhörern und deiner liebsten Musik. Du wirst merken: Kaum in oder auf deinen Ohren, ist das Schreien nur noch halb so nervenaufreibend (schreidämpfend wirkt bestimmt auch Ohropax – mir persönlich ist gute Musik auf den Ohren aber lieber).
3. Höre Musik, in die du dich fallen lassen, in der du versinken kannst. Mir hilft dabei deutsch sprachige Musik, denn die verstehe ich auch noch nach der dritten schlaflosen Nacht.
So jedenfalls kannst du mich nach einem anstrengenden Tag in der Natur antreffen. Du erkennst mich an der Jogginghose, dem schleichenden Gang und daran, dass ich zum Lied „Flugmodus“ von Clueso laut mitsinge. Meine Lieblingszeilen dieses Songs:
„Ich könnte durchdrehen
Aber muss auf Kurs bleiben
Könnte mein Telefon durchbeißen
Ich wär gern in deiner Zeitzone, deiner Zeitzone, yeah“

So oder so ähnlich fühle ich mich schnell, wenn der Tag um mich herum geprägt ist von Lautstärke. Ich sehne mich dann nach einer anderen Zeitzone, danach, einfach mal in den Flugmodus abzutauchen. Jedenfalls hilft mir das Schwelgen in Musikzeilen dabei, mich zu entspannen, zur Ruhe zu finden. Und du wirst merken, dass sich auch dein Kind entspannt, wenn du es bist. Also dreh den Spieß ruhig mal um. Sei laut! Dreh deine Musik in den Ohren auf, sodass dich dein Handy bereits vor zu starker Lautstärke warnt. Lautstärke hast du sowieso, dann kann Clueso ruhig den Rest dazu tun. Ich jedenfalls brauche dieses Extrem hin und wieder, wenn ich versuche, das
Geschrei meiner Tochter für einen Moment auszublenden, um vor Verzweiflung nicht mit ihr zu weinen. Und es erdet mich, sodass ich am Ende des Spaziergangs gefühlsmäßig bei Bosse und seinem Song „Alles ist jetzt“ angekommen bin:
„Und alles ist jetzt
Es ist alles, alles jetzt
Das Leben ist zu kurz
Zu kurz für ein langes Gesicht
Und Stück für Stück kommt das Lachen zurück
Und die Freude und der Hüftschwung und das Glück“
Bis zum Hüftschwung reicht es bei mir nicht mehr, nachdem ich eine Stunde mein Kind durch den Wald getragen habe, aber ein Lächeln, wenn ich meinem schlafenden Kind ins Gesicht schaue, verzaubert mich jedes Mal und Freude und Glück sind wieder spürbar nah – zumindest bis zum nächsten Ausnahmezustand, indem der Mörser mich mit voller Bandbreite erwischt.