Generationen-Clash
-Geht dat nich anders?-

Immer wieder befinde ich mich in Situationen mit Menschen unterschiedlichen Alters, in denen unsere Ansichten und Meinungen, die verschiedener nicht sein könnten, gegeneinanderstehen. Oft geschieht das bei sowieso schon emotional besetzten Themen, wie zum Beispiel Geburt oder Kindererziehung. Manchmal werden Haltungen im Gespräch unterschwellig vermittelt oder in Form von Unverständnis spürbar, sodass man keine helle Leuchte sein muss, um zu bemerken, dass dieses oder jenes Thema Streitpotential bietet.
Hier ein Beispiel:
Meine Generation der 90er Jahre, Generation Y, wird mit einem Verständnis von Gesundheit und Fürsorge groß, wie es für die Generation der Babyboomer kaum denkbar war. Ganz sichtbar wird dies im Bereich Schwangerschaft/Geburt. Während wir jüngeren Frauen erleben, dass Vor- und Nachsorge das A und O ist, wir engmaschig von kompetenten Hebammen betreut und beraten werden, schütteln viele Frauen älteren Semesters den Kopf, denn das hätten sie doch alles ohne Hebamme gemeistert. Damals gab es so vieles nicht, so vieles an Wissen und auch medizinischen Angeboten fehlte, was heute Standard ist. Das ist die eine Seite, das ist Fakt.
So kommt es nicht selten zu einem Bruch in den Gesprächen über gerade solche intimen Themen, wenn die erfahrenen Mamas nicht nur bei den Fakten bleiben, sondern daraus rückschließend vermitteln: „Früher haben wir das einfach so gemacht. Das hat uns niemand beigebracht. Und unsere Kinder sind ja wohl auch groß geworden!“ Heißt oft unausgesprochen: „Stellt euch nicht so an!“, ihr solltet auch mal lernen, „Einfach mal zu machen!“
Was aber zu berücksichtigen ist und das ist die andere Seite:
Damals war eine ganz andere Zeit, in der man Kinder großgezogen hat. Eine Zeit mit anderen sozialen und pädagogischen Regeln und Grundsätzen. Eine Zeit, in der eine Generation von Werten geprägt wurde, die wiederum durch die Kriegserfahrungen der Eltern bestimmt waren. Wir, Generation Y, sind dagegen ganz anders sozialisiert worden. Vor allem unser Wissen hat immens zugenommen, gerade auch rund um Geburt und Schwangerschaft. Wir haben zum Beispiel neues (neu entdecktes und lange vergessenes altes) Wissen rund um den Bereich Beckenboden und: Ja, wir schonen den auch 3 Wochen nach der Geburt im Wochenbett, wenn möglich. Vielleicht wirkt das aus Sicht einer anderen, mit Entbehrungen großgewordenen Generation seltsam oder übertrieben, sicherlich werden wir aber 30 Jahre später tendenziell weniger Beschwerden haben im Bereich Frauengesundheit als die Generation, die uns für unsere Selbstfürsorge kritisch belächelt.
Wie kann also bei solch einem Beispiel von Generationen - Clash Kommunikation trotzdem gelingen? Wie kann sie so gelingen, dass sich beide Seiten wertgeschätzt fühlen, Verständnis füreinander entwickeln und vom Wissen, der Haltung des anderen profitieren? Das fragte ich mich tatsächlich immer wieder! Und dabei sind mir drei entscheidende Aspekte aufgefallen, die helfen können, ohne Frust oder betroffen von den Worten des Gegenübers das Gespräch zu beenden:
Punkt 1: Höre auf dem Selbstoffenbarungsohr! Schulz von Thun und sein Vier - Seiten- Modell der Kommunikationspsychologie - jaja, wir alle haben es in unserer Schullaufbahn irgendwann einmal gehört oder gelernt. Würden wir bereitwillig und vermehrt über dieses Ohr dem Gegenüber zuhören, dann würden wir berücksichtigen, dass sich der Mensch im Gespräch immer auch selbst offenbart, was seine Haltungen und Überzeugungen anbelangt. Seine Überzeugungen haben aber nicht notwendig etwas mit mir zu tun. Oft nehmen wir etwas Gesagtes als Kritik wahr oder deuten es negativ, weil wir primär auf dem Beziehungsohr hören. Wie viele Mütter meiner Generation leiden darunter, alles unter der Prämisse „Du machst das falsch!“ zu verstehen? Da könnte ein Babyboomer sogar loben und wir würden darin Kritik finden, weil wir so darauf geeicht sind, rund um Kinder und Erziehung (und natürlich in vielen anderen Bereichen auch) alles richtig machen zu wollen; richtig in einer Welt des gefakten Perfektionismus, der über die sozialen Medien wie ein Tsunami auf uns einwirkt.
Versuch doch mal aufmerksam zu beobachten, wie du dich im Gespräch mit anderen Generationen fühlst, was du hörst, was bei dir ankommt und inwieweit du innerlich immer auf dem Sprung bist, dich verteidigen zu müssen. Ein Gespräch verläuft oft positiver und wirkt weniger angriffslustig, wenn wir uns darüber bewusst sind, auf welchem Ohr wir gerade hören.
Auf dem Beziehungsohr zuhörend lande ich schnell in meiner „Du machst das falsch Spirale“ und ich beginne mich unwohl zu fühlen, mich zu verteidigen oder das Gespräch abzubrechen. Dagegen bietet mir das Selbstoffenbarungsohr die Gelegenheit, interessiert nachzufragen, warum etwas früher so ganz anders gehandhabt wurde und was das mit dem Gesprächspartner gemacht hat. Wenn ich so zuhöre, dann schaue ich von mir weg und widme mein Interesse der anderen Person, gebe ihr Raum und bin bereit, eine Zuhörende zu sein.
Punkt 2: Wirf den Ball zurück. Meint nichts anderes, als die Person mit sich selbst zu konfrontieren, statt in unnötige Rechtfertigungsszenarien zu kommen.
Neulich beispielsweise war ich mit meiner 2-jährigen Tochter beim Orthopäden zum Ultraschall für ihre Hüfte. Na klar, wie sollte es auch anders sein: Beim Orthopäden sitzen fast ausschließlich alte Menschen oder zumindest alle ü50. Es ist schon viel verlangt von einem 2-jährigen Kind, sich in diesem nicht kindgerechten Setting „ruhig“ zu verhalten, bis man dann nach 40 Minuten an der Reihe ist. Alles kein Problem, aber spätestens beim Ultraschall selbst brach mein Kind in tobendes und ohrenbetäubendes Geschrei aus. Warum auch nicht? Man versteht mit 2 Jahren nicht, was da abgeht, wenn man auf dem Tisch liegt und ein Scanner über dich fährt. Ihr Geschrei war durch mehrere Türen bis ins Wartezimmer durchgedrungen. Als ich mit meiner verweinten Tochter dorthin zurückkehrte und gerade dabei war, sie dafür zu loben, wie toll sie mitmacht, kommentierte eine ältere Dame, an mein Kind gewandt, das Szenario mit den Worten: „Na, bist du doch nicht abgeschlachtet worden?“ Vollkommen entsetzt über diese Worte setzte ich mich lächelnd auf meinen Stuhl. Ich konnte nicht fassen, dass die Frau diese Worte an ein 2-jähriges Kind gerichtet hat. Wohlwollend erweiterte diese Person ihr Statement mit: „Naja, ansonsten ist sie ja ganz liebt. Es gibt ja wirklich nur wenige richtig böse Kinder!“ Achso! Ja ne...is klar! Ich war mir zu hundert Prozent sowas von sicher, von Bekloppten umgeben zu sein. Keine Ahnung, warum meine Mundwinkel da noch lächelten. Ich glaube das war mein „lächle-du kannst sie nicht alle töten“ Pokerface. Mein Selbstoffenbarungsohr hatte mich aber bereits vermuten lassen, dass diese Generation Mensch noch damit aufwuchs, dass sich ein Kind doch möglichst unauffällig zu verhalten hat, auch in unangenehmen Situationen. Nichtsdestotrotz hätte ich mir im Nachhinein gewünscht, eine schlagfertige Antwort parat gehabt zu haben. Ich hätte den Ball mit folgender Frage zurückspielen können: „Sie hätten mit 2 Jahren also nicht geweint bei solch einer Untersuchung?“ Mit dieser Frage hätte ich die Situation, mich für die Reaktion meiner Tochter zu rechtfertigen oder überhaupt darauf reagieren zu müssen, umgangen und hätte den Ball gleichzeitig an die Person selbst abgespielt, die dann am Zug gewesen wäre, zu antworten. Mit ihrer Antwort bliebe die Person dabei, über sich zu reden und der Gesprächsfokus würde sich von mir auf sie verlagern. In jedem Fall ein cleverer Schachzug, gerade dann, wenn ich so schnell keine Antwort parat habe oder das Thema emotional besetzt ist.

Punkt 3: Hab Empathie für dein Gegenüber. Klingt so einfach, ist manchmal doch so schwer. Ich merke allerdings immer wieder, dass ich ein Gespräch, in dem unterschiedliche Ansichten und Erfahrungswerte thematisiert werden, dann besser führen kann, wenn ich versuche, den Menschen hinter den Worten wahrzunehmen, das heißt: Wenn ich mich in ihn hineinversetze, mich frage, was er/sie wohl erlebt hat, wie er/sie zu dem Menschen geworden ist, der er/sie heute ist. All das sind Punkte, die mir helfen, jemandem einfühlsam zuzuhören, auch wenn das Gesagte nicht meinem Empfinden oder Erleben gleichkommt.
Vielleicht hilft dir die ein oder andere Strategie, positiv oder gestärkt aus einem Gespräch zu gehen. Vielleicht wird das ein oder andere Gespräch mit jemandem aus einer völlig anderen Generation dadurch bereichernd oder lehrreich für dich. Und vielleicht entwickelst du ganz eigene und neue Ansätze, dein Gegenüber zu verstehen.